Radius Basel – plein air

Stefan Auf der Maur malt prägnante architektonische «Landmarks»

Begonnen hat das Projekt „Radius Basel – plein air“ mit einem mehr oder minder zufälligen Blick aus einem Atelierfenster an der Burgfelderstrasse. Zu sehen sind da zwei Kamine einer Verbrennungsanlage. Stefan Auf der Maur kletterte kurzentschlossen aufs Flachdach des Atelierhauses und malte das erste Bild einer neuen Serie: „Radius Basel – plein air“.  Seit Sommer 2013 sind über 50 Motive entstanden, ein Ende der Serie ist noch lange nicht in Sicht.
Die Motive fesseln auf den ersten Blick, weil sie unsere gebaute Umwelt, die wir oft kaum mehr bewusst wahrnehmen, verfremden und buchstäblich neu ins Bild rücken: Vermutlich sind die KIBAG-Anlage beim Bachgraben, die nie benutzte turmartige Autobahnbelüftung auf dem ehemaligen NT-Areal oder das Casino in Richtung Flughafen zum ersten Mal überhaupt auf eine Leinwand gebannt worden. Und es bekommt ihnen gut!

Denn Auf der Maur malt ohne Wertung: Ihm ist die Struktur der Gebäude wichtig, das Zusammenspiel von Baukörper und Umgebung. Es geht nicht um hässlich oder schön. Obwohl: Wenn das Bild gelungen ist, dann wirkt das Gebäude darauf vielleicht tatsächlich ansprechender oder harmonischer als in der Wirklichkeit. Das scheint auch Passanten aufzufallen, die den Künstler zuweilen in ein Gespräch verwickeln. Beim Malen der Rocheturm-Baustelle platzten manche Passanten mit dem Kommentar heraus: „Gäbe es da nicht hübschere Motive?“ Aber ein Blick über die Schulter des Malers führte zur Einsicht: „Aha, wenigstens sieht es schöner aus als das Original.“ Auch Kinder fasziniert die Figur des Malers draussen im Stadtraum: „Weshalb malst Du denn diesen Müll?“, wollen sie, halb erstaunt, halb entsetzt, wissen, als Auf der Maur Position bezieht am Kleinhüninger Ufer gegenüber dem Lindan-Gelände.
Die meisten Motive sind „Monolithen“, Gebäude, die vereinzelt in der Landschaft stehen – oder von einem gewissen Standpunkt aus zumindest so wirken. Auf der Maur legt grosses Gewicht auf die Plastizität der Baukörper, er modelliert sie mit sicherem Pinselstrich in Licht und Schatten. Auch der Hintergrund spielt eine wichtige Rolle – die Farbe des Himmels, die Strukturen der Umgebung, ob Asphalt, Ackerland, Wiese oder Wasser. Nicht zuletzt trägt auch der Wiedererkennungseffekt zum Kunstgenuss bei. Und siehe da, ganz en passant, fast spielerisch stellt sich der gewünschte Effekt ein: Die Bilder machen neugierig und laden den Betrachter, die Betrachterin ein, sich Gedanken über das abgebildete Objekt, seine Funktion und seine ästhetischen Qualitäten, zu machen. Auch das ist eine fast vergessene Möglichkeit, sich mit der eigenen Umgebung auseinanderzusetzen.
Auf der Maur ist ständig auf der Suche nach geeigneten Objekten, packt Malutensilien und Feldstaffelei bei (fast) jeder Wetterlage ein und schwingt sich aufs Fahrrad. Mal wählt er Objekte, die ihm schon früher aufgefallen sind, mal fährt er scheinbar ziellos herum, bis er ein neues Motiv findet – und zu manchen Gebäuden kehrt er mehrfach zurück, wie etwa zum Messeturm, den er aus verschiedenen Perspektiven gemalt hat. „Von Riehen aus gesehen verliert der Turm alles Urbane, weil sich davor ein breiter grüner Streifen erstreckt. Das ergibt eine völlig andere Aussage“, erklärt der Künstler. Oft gibt die gebaute Umgebung den Standort vor – ein Maler kann sich (anders als ein Fotograf) nicht einfach kurz auf die Strasse stellen. Für die plein air-Malerei muss ein Platz gesucht und gefunden werden, der ruhiges Arbeiten ermöglicht. Und jetzt, in den sonnigen, aber eisig kalten Wintertagen, ist er warm eingepackt unterwegs, unter anderem im Hafengebiet.
Beim Malen muss es übrigens – Kälte hin oder her – recht schnell gehen, Licht und Witterungsbedingungen ändern sich ständig. In knapp eineinhalb bis zwei Stunden entsteht ein Bild, das Format ist immer quadratisch, entweder 20x20cm oder 30x30cm auf Leinwand oder Malplatte.
Auf einem Blog lässt sich die Entstehung der Serie verfolgen. Am 12. Dezember  2013 ist beispielsweise eine Ansicht des Gondrand-Lagergebäudes am Hafen entstanden: „I spent the cold afternoon under the Dreirosen Bridge working on painting Nr. 57, the Gondrand Building at the Rhine Harbor glowing in the last sunshine“ lautet der kurze, aber erhellende Kommentar dazu.
Die schon besuchten Standorte und Motive werden auf einer Karte verzeichnet. Wer von markanten Motiven, vergessenen Gebäuden und ungewohnten Standorten weiss, bitte melden! Der Künstler freut sich über Ideen und Zuschriften (Kontakt über www.stefan-aufdermaur.ch).

Barbara Piatti, (2013)
Tageswoche Online, Stadflaneur